Sowjetunion – Russland retour: Die Zukunft ist Geschichte

Wie hat sich Russland in den letzten 40 Jahren entwickelt? Angefangen mit der Sowjetunion hinter dem eisernen Vorhang über die Öffnung zu Beginn der 1990er Jahre bis hin zum neuerlichen Entfernen des Westens unter dem langjährigen Präsidenten Putin. Masha Gessen erzählt die Geschichte Russlands mithilfe der Erfahrungen junger Menschen der Generation 1984, welche in ihrer Jungend den Zerfall der Sowjetunion erlebten und unter Präsident Putin erwachsen wurden.

Eindrücklich schildert sie, wie die Russen selbst die Entwicklung ihrer Heimat wahrnehmen. Ein Bericht von Unterdrückung, willkürlicher Polizeigewalt und einem Machtgebilde einzelner mächtiger Personen. Wer nicht dafür ist, hat keine Daseinsberechtigung. Russland, ein Land das sich öffnete. Und sich nun wieder mehr und mehr vom westlichen Europa entfernt.

Gorbatschow

Kaum eine Epoche hat das 20. Jahrhundert dermassen geprägt wie der Kalte Krieg. Nach dem zweiten Weltkrieg schlossen sich die Grenzen zwischen dem Westen mit der führenden Grossmacht USA und dem Osten mit der Sowjetunion. So beginnt auch die Erzählung von Masha Gessen in Die Zukunft ist Geschichte in der Vergangenheit. Wie die Sowjetunion entstand, wie die Menschen unter der willkürlichen Gewalt durch Stalin litten. Wie sie vom Staat überwacht und unterdrückt wurden. Und schlussendlich, wie sich all dies in den Köpfen der Sowjetbürger manifestierte und es zu einem festen Gedankengut wurde. Kurz gesagt, wie die Menschen der UdSSR so wurden, wie sie sind. Und zu einem grossen Teil auch heute noch denken.

Sowjetunion UdSSR
Mikhail Gorbachev Sowjetunion UdSSR
Michail Sergejewitsch Gorbatschow

Menschen, die ihr Leben lang darauf hingearbeitet hatten, sich Macht und Einfluss zu sichern, sollten jetzt Reformen entwickeln, um das Machtgefüge zu demontieren und sich womöglich selbst entbehrlich zu machen – ein massiver und wohl unlösbarer Interessenkonflikt.

Doch das Gebilde wankt. Der letzte Präsident der Sowjetunion, Michail Sergejewitsch Gorbatschow, versucht das System mit Reformen zu retten. Mit Glasnost (Offenheit) und Perestroika (Umbau) startet er den Versuch, das politische, gesellschaftliche und wirtschaftliche System zu demokratisieren, dies jedoch mittels den bisherigen Werten der sozialistischen Sowjetunion. Rückblickend kamen die Reformen laut Gorbatschow selbst zu spät. Im August 1991 versucht eine Gruppe von Funktionären der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) den Staatspräsidenten Gorbatschow zu stürzen und das Land unter ihre Kontrolle zu bringen. Der Augustputsch scheitert, beschleunigt jedoch den Zerfall der Sowjetunion merklich.

Jelzin

Am 25. Dezember 1991 tritt Gorbatschow offiziell als Präsident der Sowjetunion zurück, womit die Sowjetunion definitiv Geschichte war. Massgeblich am Zerfall der Sowjetunion beteiligt war Boris Jelzin, welcher im Juni 1991 die ersten Präsidentschaftswahlen Russlands gewann und nach dem Augustputsch die KPdSU auf dem Gebiet Russlands (bzw. damals die Russische Sozialistische Föderative Sowjetrepublik) verbot. Boris Jelzin prägte das erste Jahrzehnt Russlands nach der UdSSR und förderte eine Öffnung Richtung Westen und Demokratie mit vielen Hochs und Tiefs.

Russland
Boris Jelzin Russland
Boris Jelzin
1991 – 1999

Wie bringt man ein Thema zur Sprache, das noch nie zuvor diskutiert worden ist? Wie findet man heraus, was Menschen meinen, die kein Recht auf eine eigene Meinung hatten?

Unter seiner Herrschaft wuchsen die Protagonisten des Buches von Masha Gessen zu jungen Erwachsenen heran. Es sind ihre Geschichten, welche es den Lesern möglich machen, im Ansatz zu verstehen, wie sich das Land unter Jelzin entwickelte. Welche Fortschritte das Sytem aus westlicher Anschauungssicht machte. Und auch, welche Hürden es gab oder wo sich das Volk selbst im Wege stand. Man kann das politische System ändern, die Wirtschaft fördern und den Menschen mehr Freiheiten geben. Doch in den Köpfen insbesondere der älteren Generation passiert diese Entwicklung nicht einfach so von heute auf morgen. Zu stark sind sie sich an die Überwachung und Unterdrückung durch den Staat gewohnt. Weshalb sollte ihre eigene Meinung plötzlich etwas zählen?

Putin

Die junge Generation sieht darin jedoch eine Chance. So beispielsweise Ljoscha, ein schwuler Dozent, der sich nun wagt, zu seiner Homosexualität zu stehen. Oder Masha, deren Vater Boris Nemzow ein prominenter Reformer ist und zeitweise gar als Nachfolger des Präsidenten Jelzin gehandelt wird. Ergänzt werden die Erlebnisse der jungen Generation und ihren Familien durch Bildungsgeschichten des liberalen Soziologen Lew Gudkow, der Psychoanalytikerin Marina Aurtjunjan und des rechtsnationalistischen Philosophen Alexander Dugin.

Doch drohen die Hoffnungen auf einen Neubeginn zu scheitern. Ende 1999 tritt Boris Jelzin als Präsident von Russland zurück und übergibt das Amt dem ehemaligen Geheimdienstagenten Wladimir Putin. Im Mai 2000 wird dieser auch vom Volk gewählt und bestätigt. War es eine demokratisch korrekte Wahl? Die Wahl selbst vielleicht. Doch hat man als oppositioneller Kandidat schon gar keine Chance, seinen eigenen Namen auf einen Wahlzettel zu platzieren. Womit die Wahl bereits durch die überhaupt mögliche Auswahl an Kandidaten bereits vorab weitgehend bestimmt war. Dies ist wohl bis heute so. 2008 wird nach den maximal möglichen zwei Amtszeiten Putins, Dmitri Medwedew zum Präsidenten, wahrer Machthaber Russlands bleibt aber wohl Putin, welcher nun als Ministerpräsident amtet. Dies ist zwar nicht erwiesen, aber durch den erneuten Abtausch der beiden nur vier Jahre später doch ziemlich sicher. So amtet Putin auch heute noch – oder wieder – als Präsident.

Dmitri Medwedew Russland
Dmitri Medwedew
2008 – 2012
Vladimir Putin Russland
Vladimir Putin
1999 – 2000
2000 – 2008
2012 – heute

“Ist Ihnen klar, dass es in Russland keine Lesben gibt?”

“Ich habe auch gehört, dass es in der Sowjetunion keinen Sex gab”, erwiderte Ljoscha. “Und doch sind Sie hier.”

Das Land verändert sich nun wieder zunehmend in die entgegengesetzte Richtung der vergangenen zehn Jahre. Der Staat holt sich wieder zunehmend mehr Macht zurück. Gegen das System zu demonstrieren ist nicht einfach und nicht selten werden Demonstrationen mit brutaler Polizeigewalt aufgelöst und Demonstranten zu hunderten verhaftet. Wer sich gegen die Regierung auflehnt, droht im Gefängnis zu landen. Zu Berühmtheit auch im westlichen Europa gelangen dadurch unter anderen die Aktivistinnen von Pussy Riot. Auch Shannas Vater, Boris Nemzow, stellt sich deutlich gegen die Regierung. Im Februar 2015 wird er in unmittelbarer Nähe des Kremls in Moskau erschossen. Es werden Verdächtige verhaftet und verurteilt, doch tatsächlich wird der Mord nie aufgeklärt. Shanna vermutet die Regierung als Drahtzieher, doch kann sie das nie und nimmer beweisen.

Gessen

Auch gegen Homosexualität wird wieder offen aufbegehrt. So verliert Ljoscha seine Dozentenstelle an der Universität von Perm und die Fälle von gewalttätigen Übergriffen auf schwule Russen häufen sich. Und niemand unternimmt etwas dagegen. Dem Thema der Homosexualität widmet Masha Gessen einen relativ grossen Teil des Buches. Es gilt als ein Beispiel, wie in der Sowjetunion und dem heutigen Russland mit ungewollten Minderheiten umgegangen wird. Das Buch im Gesamten ist mit rund 500 Seiten (ohne Anhang) zwar relativ lange, liest sich jedoch äussert flüssig. Es ist zeitweise etwas langatmig, meist aber sehr packend und leicht zu lesen. Am meisten beeindruckte und schockierte mich selbst, dass ich hier keinen fiktiven Roman in Händen hielt, sondern ein Buch mit Geschichten aus dem wahren Leben Russlands. Es ist kein Buch, welches einen beruhigt, was die allgemeine weltweite politische Entwicklung angeht.

Masha Gessen Die Zukunft ist Geschichte

Die Autorin Masha Gessen selbst ist 1967 in Moskau zur Welt gekommen und wuchs in der Sowjetunion auf, ehe ihre Familie mit ihr 1981 in die Vereinigten Staaten zog. Später wurde sie Russlandkorrespondentin eines amerikanischen Nachrichtenportals und schrieb Biographien unter anderen über Wladimir Putin und Pussy Riot. Zwischenzeitlich lebte sie wieder in Moskau, zog dann 2013 aber definitv nach New York City um. Dies aufgrund der zunehmenden Repressionen gegen Homosexuelle in Russland, für welche sie sich aktiv einsetzt.

Für das Buch Die Zukunft ist Geschichte wurde sie in diesem Jahr mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet. Ich kann das Buch, welches vom russischen Zoll bei Kontrollen mehrfach zurück gehalten wurde, wärmstens empfehlen. Es benötigt lediglich ein wenig Interesse für die Geschichte unserer Welt, von Europa und der Entwicklung Russlands ausgehend von der Sowjetunion. Was die Zukunft wirklich bringen wird, wohin sich Russland bewegt, aber auch wie sich das politische Machtgehabe der ganzen Welt entwickeln wird, werden wir sehen. Es bleibt nur zu hoffen, dass die Mächtigen dieser Welt die Vergangenheit nicht vergessen, damit die Zukunft auch wirklich Zukunft sein kann – und nicht zur Geschichte wird.

Eines war sicher: Dieses Regime würde sich nicht zu einer funktionierenden Demokratie entwickeln. Es schien überhaupt nicht zu irgendeiner Entwicklung fähig zu sein.

Weitere Geschichten dieser Welt, meist sehr unterhaltsam, spannend und deutlich weniger ernst, findet ihr in meinen Lese-Empfehlungen. Die vergangenen und zukünftige Reiseziele meiner BUCHweltreise gibt es zudem übersichtlich in meinem Lesereisebuch. Viel Spass beim Lesen, möge das Thema noch so ernst sein.

BUCHweltreise

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