Der Alptraum beginnt mit der Kindsentführung

Der Alptraum von Caroline Shipley beginnt am Abend ihres zehnten Hochzeitstages in Mexiko. Ihre jüngere Tochter Samantha wird aus dem Hotelzimmer entführt, während Caroline und ihr Ehemann Hunter im Restaurant mit Freunden den besonderen Anlass feiern.

Mit dem Verschwinden von Samantha zerfällt Carolines Leben in Scherben. Ihre Ehe zerbricht genauso wie die Beziehung zu ihrer älteren Tochter Michelle. Als kurz vor dem 15. Jahrestag der Entführung der Presse-Terror wieder losgeht, meldet sich eines Morgens am Telefon eine junge Frau.

„Ich glaube, mein richtiger Name ist Samantha. Ich glaube, ich bin Ihre Tochter.“

Der Beginn eines neuen Kapitels des anhaltenden Alptraumes?

Vor 15 Jahren

Caroline und Hunter Shipley fahren mit ihren Kindern Michelle (fünf Jahre) und Samantha (zwei Jahre) von San Diego in Kalifornien nach Rosarito in Mexiko. Sie wollen dort eine unbeschwerte Urlaubswoche verbringen und ihren zehnten Hochzeitstag feiern. Caroline erhofft sich, dass sie und Hunter sich wieder etwas näher kommen.

Die Schwester Joy Fielding

Bei der Ankunft im Hotel erwartet sie jedoch bereits die erste ganz grosse Überraschung. Sie werden diese Woche nicht alleine in Mexiko verbringen. Das Empfangskomitee besteht nicht aus Hotelpagen. Nein, es sind Carolines Bruder Steve und seine Frau Becky, ihre neuen Freunde Jerrod und Rain sowie ihre seit langem beste Freundin Peggy samt Ehemann Fletcher.

Aus der erhofften Zweisamkeit von Caroline und Hunter wird somit weitgehend nichts. Trotzdem wird es eine fröhliche Woche, was am letzten Abend mit dem zehnten Hochzeitstag ihren Höhepunkt finden soll. Der Abend steht von Beginn an unter einem schlechten Stern. Das Leben von Caroline wird danach nie mehr so sein, wie es mal war. Als sie am späteren Abend mit Hunter zurück ins Hotelzimmer kommt, ist das kleine Bettchen von Samantha leer. Ein zweijähriges Mädchen einfach weg. Verschwunden. Für immer. Oder doch nicht?

Das zerstörte Leben

Caroline kann nicht loslassen. Sie schafft es nur ganz schwer, ohne Samantha zu leben. Schuldgefühle und Schuldzuweisungen machen sie fertig. Sie und ihr Umfeld. Von der mexikanischen Polizei werden sie und Hunter verdächtigt, etwas mit dem Verschwinden der eigenen Tochter zu tun zu haben. Von der Presse werden sie verfolgt und terrorisiert über alle Jahre hinweg. Ganz besonders trifft es in dieser Hinsicht Caroline.

Caroline und Hunter waren geschieden; Caroline konnte ihre Mutter kaum ertragen; sie hatte eine belastete Beziehung zu ihrem Bruder; eine belastete Beziehung zu Michelle …
Ich bin der gemeinsame Nenner, gestand Caroline sich ein, als sie sich eine Stunde später mit schmerzenden und steifen Gliedern aus dem Bett quälte.
Alles meine Schuld.

Ihre Ehe mit Hunter ist wenige Jahre später am Ende. Hunter findet sich mit der Situation ab und gründet eine neue Familie. Noch schwieriger ist jedoch das Verhältnis mit Michelle, ihrer zweiten Tochter. War Samantha ein pflegeleichter und ruhiges Kind, so war Michelle schon immer rebellisch und laut. Doch Caroline ist dermassen auf Samantha fixiert, dass sie es nicht schafft, ausreichend für Michelle da zu sein.

Das ist aus meiner Sicht denn auch ein sehr zentrales Thema des Buches. Caroline beschäftigt sich fast ausschliesslich mit der verschwundenen jüngeren Tochter Samantha, so dass sie die leiblich noch vorhandene Tochter Michelle völlig vernachlässigt. Aber kann man in einem solchen Fall wirklich loslassen und sich auf das konzentrieren, was man noch hat?

Die Frau kniff die Augen zusammen. „Ich kenne Sie“, sagte sie langsam. „Sie sind diese Frau, deren kleine Tochter in Mexiko verschwunden ist.“
Caroline war sofort aufgesprungen.
„Haben Sie es getan?“, rief die Frau nach. „Haben Sie Ihr eigenes Kind umgebracht?“

Ein weiterer zentraler Punkt sind die Anschuldigungen, welche durch die Presse noch weiter getrieben werden und Caroline Shipley in einem äusserst negativen Licht und als totale Rabenmutter dastehen lassen. So hat sie jahrelang enorme Mühe, wieder eine Anstellung als Lehrerin zu erhalten. Kann man eine Mutter, welche ihr Kind entführen lässt, andere Kinder unterrichten lassen?

Gegenwart

Die Entführung von Samantha jährt sich in Kürze zum 15. Mal. Grund genug für die Presse, das Thema wieder aufzuwärmen. Zum Leidwesen von Caroline, die sich zurecht sehr schwer mit den Berichterstattungen tut. Das Telefon lässt sie aus Angst vor Journalisten lieber klingeln. Eines Morgens, bereits voll im Schuss in Richtung Schule, läutet das Telefon erneut. Sie nimmt ab. Am anderen Ende ist es erst still. Dann meldet sich eine junge Frau. Lili.

Ihre Tochter. Lebendig. Am Telefon. Nach all den Jahren.
War es möglich? Konnte das sein?
Nein, konnte es nicht. Allein sich diese Frage zu stellen war so wahnhaft wie das Mädchen am anderen Ende.

Caroline will aufhängen. Sie behauptet, zu glauben, sie sei Samantha. Ihre nun 17-jährige Tochter. Eine weitere Spinnerin. Wie jedes Jahr. Oder doch nicht? Caroline bleibt am Telefon – der Startschuss, um das Leben noch einmal total umzukrempeln. Die ganze Geschichte kommt wieder hoch.

Sie fliegt wenig später nach Calgary, wo Lili lebt. Dieser Ausflug bleibt ergebnislos. Lili erscheint nicht wie vereinbart in ihrem Hotel. Zurück auf dem Boden der Realität fliegt sie wieder nach San Diego. Ihre ältere Tochter Michelle hat nie an die Lügen von Lili geglaubt und sieht sich nun erst recht bestätigt. Doch Lili ruft wieder an. Und steht eines Tages tatsächlich vor der Haustür von Caroline Shipley.

„Da ist eine junge Frau namens Lili, die dich sprechen will“, erklärte er seiner Schwester. „Sie sagt, du erwartest sie.“

Die Geschichte nimmt nun erst die erhoffte Wendung. Aber wenn Lili tatsächlich Samantha ist, wer hat sie vor 15 Jahren in Mexiko entführt? Die Ereignisse überschlagen sich. Die Runde des zehnten Hochzeitstages von Caroline und Hunter kommt wider zusammen und erfahren brisante Neuigkeiten, die 15 Jahre lang geheim gehalten wurden.

Mein Fazit

Wenn ich ein Buch von Joy Fielding zu lesen beginne, so erwarte ich in aller Regel einen hyperspannenden Thriller oder Psychothriller. Im Mittelpunkt eine betrogene, tyrannisierte oder verfolgte Ehefrau. Kinder, die unter mysteriösen Umständen verschwinden. Mütter, die sich unter Todesangst selbst auf die Suche machen. Meist ist eine grosse Portion Brutalität im Buch inbegriffen – sowohl psychisch, wie auch körperlich.

Nun, der neuste Roman von Joy FieldingDie Schwester – ist leicht anders. Er bietet alles, was man erwartet. Nur fehlt die unmittelbare Angst, was noch passieren könnte. Samantha wurde vor 15 Jahren entführt. Das Buch lebt lange von der sehr grossen Spannung, ob Lili tatsächlich die verschwundene Tochter ist. Ich hatte zu keiner Zeit die Befürchtung, dass in der Gegenwart jemandem etwas schlimmes zustösst.

„Mom? Wer war das?“, fragte Michelle noch einmal.
Caroline zählte zwei und zwei zusammen und kam auf die unter den Umständen einzig mögliche Antwort. „Wir haben Ärger am Hals.“

Zum Ende des Buches erhöht sich die Spannung aber unerwartet noch einmal stark. Was ist in Mexiko tatsächlich passiert? Das hatte ich ehrlich gesagt bereits abgehakt. Aber erfahren wir wirklich alles?

Nebst der eigentlichen Geschichte zeigt das Buch deutlich auf, was geschehen kann, wenn ein wehrloses zweijähriges Kind entführt wird. Das Kind selbst erfährt vielleicht nie etwas. Es geht ihm unter Umständen sogar sehr gut. Aber was ist mit der Mutter? Dem Vater? Den Geschwistern? Familie? Freunde?

Und um einige der Fragen zu beantworten: Es gab keine neuen Spuren; sie hatte die Hoffnung nie aufgegeben; es war ihr mittlerweile egal, was die Polizei von ihr dachte; und ihr Leben wäre sehr viel besser, wenn die Geier von der Presse sie verdammt noch mal endlich in Ruhe lassen würden.

Je nach Umgang mit der unglaublich schwierigen und unvorstellbaren Situation, wurden diese Leben mit dem Verschwinden des eigenen Kindes unumkehrbar zerstört. Je nach Persönlichkeit verarbeitet jede beteiligte Person das Geschehene anders. Weiter sind die Medien stets auf Schlagzeilen bedacht und berichten absolut taktlos über jedes Detail. Gewisse Dinge sind einer Auflösung des Falles vielleicht dienlich, viele schaden den Familienangehörigen jedoch mehr.

Die Autorin

Die kanadische Autorin Joy Fielding ist bekannt für ihre Thriller und Psychothriller. Im Mittelpunkt steht immer eine Frau. Betrogen, verfolgt, verlassen, tyrannisiert, vergewaltigt. Joy Fielding nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn sie brutale Vorkommnisse schildert.

Joy Fielding wurde in Toronto (Kanada) geboren, wo sie auch heute noch lebt. Im Wechsel mit Palm Beach im US-Sunshine-State Florida. Ihre ersten Geschichten schrieb sie schon mit acht Jahren. Es folgten kleine Theaterstücke sowie ein Drehbuch für einen Fernsehfilm. In diesem schrieb sie mit zwölf Jahren, wie eine Zwölfjährige ihre Eltern ermordet. Nun, entweder macht man sich in diesem Falle als Eltern Sorgen oder man hofft auf eine erfolgreiche Autorenlaufbahn.

Joy Fielding

Die Bestsellerautorin Joy Fielding (Foto: Mark Raynes Roberts, 2015; Quelle: joyfielding.com)

Zwar studierte Joy Fielding an der Universität von Toronto Englische Literatur, aber Schriftstellerin wollte sie nicht (mehr) werden. Stattdessen zog sie für die Schauspielerei nach Los Angeles und spielte in mehreren Filmen mit, darunter auch einige international beachtete Werke.

Anfang der 1970er Jahre kehrte sie nach Toronto zurück und widmete sich von nun an dem Schreiben. Der internationale Durchbruch gelang ihr 1991 mit dem Thriller Lauf, Jane, Lauf!. Ihre Bücher sind heute ein Garant, zum Bestseller zu werden.

Die Bücher

Die Geschichten von Joy Fielding sind voneinander unabhängig. Jedes Buch steht für sich. Es muss also keine Lese-Reihenfolge eingehalten werden. Nachfolgend eine Auflistung der Werke von Joy Fielding.

BUCHweltreise in Nordamerika

Mit diesem Buch darf ich dank der kanadischen Autorin Joy Fielding auf meiner BUCHweltreise ein neues Land in mein BUCHreisebuch aufnehmen. Welcome, Canada! Da der Hauptteil der Geschichte jedoch in San Diego in Südkalifornien spielt, handelt es sich hiermit um einen doppelten Aufenthalt in den USA und in Kanada.

BUCHweltreise

USA und Kanada sind die weiteren Stationen auf meiner BUCHweltreise.

Das passt wunderbar, war ich doch mit meiner Frau schon mal drei Monate im Westen der USA und Kanada unterwegs. Tolle Eindrücke dieser Reise findet ihr in meinem persönlichen Fotoalbum. Viel Spass! Wir waren damals zwar weder in Toronto noch in San Diego. Aber Calgary, Lilis Wohnort, stand auf unserer Reiseliste.

Nur dass Samantha kein Kind mehr sein würde. Sie war kaum zwei Jahre alt gewesen, als sie in einem mexikanischen Luxusresort spurlos aus ihrem Bettchen verschwunden war, während ihre Eltern, wie die Presse zu berichten wusste, „sich mit Freunden in einem Restaurant in der Nähe amüsiert hatten“. Heute wäre ihre Tochter siebzehn.
Vorausgesetzt, dass sie noch lebte.

Joy Fielding: Die Schwester. Goldmann, 2016.

Hinweis: Dieser Beitrag enthält Affiliate-Links.

3 Antworten

  1. umgeBUCHt sagt:

    Hallo Stefan,
    ein schöner Beitrag und ich hoffe, du hattest eine angenehme Reise 😉 Ich habe diesen Beitrag gleich in den BUCHweltreisebericht für April übernommen. Als Land habe ich USA eingetragen, da dort ja der Hauptteil der Handlung spielt.
    Ich wünsche dir und deinen lieben ein schönes Osterfest!
    LG Yvonne

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