In Bewegung: Nationalturnen – vom Bodenturnen bis zum Schwingen

Es gibt Sportarten, die werden nur in der Schweiz ausgeübt. Da erfreuen sie sich einer nach wie vor zunehmenden Beliebtheit. Allen voran das Schwingen. Es gibt da aber noch einen überaus vielseitigen Mehrkampf, welcher man nur in der Schweiz kennt. Eine Mischung aus verschiedensten Sportarten. Bodenturnen, Leichtathletik und Zweikampf. Das Nationalturnen.

In diesem Jahr finden zudem die Eidgenössischen Nationalturntage statt. In Eschenbach bei Luzern. Spannende Wettkämpfe und ein unterhaltsames Rahmenprogramm sind garantiert.

Aber erst einmal. Was ist das überhaut? Nationalturnen? Es ist ein Mehrkampf, welcher den krönenden Abschluss im Sägemehl findet. Beim Ringen und Schwingen. Dies ist jedoch erst der zweite Teil des Wettkampfes. Vorab werden mehrere Disziplinen – die sogenannten Vornoten – absolviert. Schauen wir uns diese mal genauer an.

Nationalturnen ist eine traditionsreiche Sportart die geistig und körperlich viel Beweglichkeit, Vielseitigkeit und Flexibilität abverlangt.

Die Vornoten

Zur Wahl stehen den Turnern sechs Vornotendisziplinen. Je nach Alter und Kategorie müssen davon mehr oder weniger absolviert werden. Der gesamte Wettkampf inklusive Ringen und Schwingen wird so zu einem 5- bis 10-Kampf. In der Höchstklasse A könnten also beispielsweise sechs Vornoten, zwei Gänge Ringen sowie zwei Gänge Schwingen absolviert werden. Gewertet wird jede Disziplin mit Punkten bis zur Höchstnote 10.

Steinheben

Das Steinheben ist eine typische Nationalturnerdisziplin und erfordert eine grosse Kraftausdauer. Der Stein wird sowohl mit der stärkeren wie auch mit der schwächeren Hand gehoben. Zur Wertung zählt dann nicht einfach nur die Summe, es muss auch das Verhältnis zwischen den beiden Hebungen stimmen. Der Stein muss desweitern nicht einfach nur angehoben werden, der ganze Bewegungsablauf muss regelkonform sein und der Stein darf einem am Schluss nicht auf den Fuss fallen.

Steinheben Bewegungsablauf
Bewegungsablauf beim Steinheben (Quelle: turnverband.ch, Technikerseite im inform 5/2012)

In der höchsten Kategorie A wird ein Stein mit dem Gewicht von 22,5 Kilogramm gehoben. Bereits die kleinsten (bis neun Jahre alte Burschen) heben einen 4 Kilogramm schweren Stein. Für die Maximalnote werden 28 Hebungen benötigt (12 respektive 16 pro Hand).

Steinstossen

Beim Steinstossen wird der rechteckige Stein ähnlich dem Kugelstossen so weit wie möglich gestossen. Dazu nimmt der Turner Anlauf und stosst den Stein ab dem Balken so weit er kann. In der Königs-Kategorie A wird dabei mit einem 15 Kilogramm Stein gestossen. Für die Höchstnote 10 wird eine Weite von acht Meter benötigt. Doch bereits die Piccolo-Burschen (bis neun Jahre) werfen eine 3 Kilogramm (Kugel) mit dem Ziel von fünf Metern.

Hochweitsprung

Eine weitere typische Nationalturnerdisziplin ist der Hochweitsprung. Schaut man bei Wikipedia nach, so steht da jedoch folgendes: „Der Hochweitsprung ist ein Begriff aus dem Pferdesport.“ Dazu kann ich nur sagen, Nationalturner sind keine Pferde und Wikipedia weiss offensichtlich auch nicht alles. Das Prinzip bleibt aber wohl das gleiche.

Schlussendlich ist es eine Mischung auch Weit- und Hochsprung. Die Disziplin wird auf der Weitsprunganlage ausgeführt. Zusätzlich zum Erreichen der Weite, muss aber noch eine bestimmte Höhe übersprungen werden. Die Stange befindet sich zwischen Absprungbalken und Sandkasten. Grundsätzlich muss immer einen Meter weiter als hoch gesprungen werden.

Für die Maximalnote springen dabei die Besten in der Kategorie A über eine Höhe von 1,50 Meter und mindestens 2,50 weit. Bei den kleinsten reicht eine Höhe von 1 Meter sowie die gleiche Weite (1 Meter).

Weitsprung

Mit dem Weitsprung ist nun eine besser bekannte und auch als separate Sportart populäre Disziplin dabei. Es bedarf wohl keiner weiteren Erklärung, wie diese Disziplin funktioniert. In der Kategorie A muss man eine Weite von 5,80 Meter erreichen für die Bestnote, in der Kategorie L1 (14-15 Jahre) reichen 4,80 Meter. Die jüngeren Nationalturner dürfen oder können noch nicht zum Weitsprung antreten.

Lauf

Wie der Weitsprung gehört auch der Lauf zu den wohl bekannten Disziplinen, ist doch der 100-Meter-Sprint das Highlight jedes Leichtathletik-Meetings. Aufsteigend mit den Kategorien wird im Nationalturnen 60, 80 oder 100 Meter gesprungen. Die Turner der höchsten Kategorie erhalten dabei für eine Laufzeit von 12 Sekunden (über 100 Meter) die Maximalnote.

Freiübung

Die Freiübung ist jene Disziplin, über die ich mich selbst immer wieder am meisten wundere. Da kommen starke und schnelle Top-Athleten daher, sprinten über 100 Meter, werfen den Stein mehrere Meter weit und messen sich am Ende in mehreren Gängen im Zweikampf. Aber was steht da bei den Vornoten noch auf dem Wettkampfprogramm? Richtig – eine Bodenturnübung.

Nun gut, eine Giulia Steingruber hüpft da wohl etwas eleganter über die Matten. Aber die ist ja auch amtierende Europameisterin im Bodenturnen. Trotzdem. Was die Nationalturner auf der Bodenturnmatte zu Stande bringen, erntet immer wieder von neuem meinen grössten Respekt.

Die Zweikämpfe

Nach den Vornoten gibt es jeweils eine Zwischenrangliste und gemäss den Rangierungen werden die Paarungen für die Gänge im Ringen und Schwingen bestimmt. Sowohl Ringen wie auch Schwingen wird im Sägemehlring ausgetragen. Typisch für das Schwingen sind die Schwingerhosen, die beide Kontrahenten tragen.

Die jüngsten drei Kategorien müssen nur zum Ringen ins Sägemehl. Danach kommt das Schwingen dazu und bei den höchsten beiden Kategorien ist die Anzahl Schwingkämpfe abhängig der absolvierten Anzahl an Vornotendisziplinen.

Dank diesen Zweikämpfen im Sägemehl findet jeder Nationalturn-Wettkampf einen regelrechten abschliessenden Höhepunkt rund um die Sägemehlringe. Die Vornoten sind vergessen. Jetzt geht es eins zu eins. Es gilt, seinen Gegner mit der Schulter ins Sägemehl zu drücken und dafür eine möglichst hohe Note zu kassieren. So ist Nationalturnen auch immer ein kleines Schwingfest.

Voraussetzungen zu einem erfolgreichen Nationalturner sind: Schnelligkeit, Kraft, Beweglichkeit, Ausdauer sowie taktisches und technisches Flair.

Kategorien

Schon mehrmals wurden vorab die verschiedenen Kategorien erwähnt. Nationalturnen ist ein Sport von klein auf. Die Kleinsten werden in die Gruppe früh integriert und nebst dem sportlichen Ehrgeiz hat die Geselligkeit einen grossen Stellenwert. Auch den Wettkampf-Gegnern gegenüber.

In der Schweiz wird in folgenden Kategorien geturnt:

  • Kategorie A, Alter frei, 10-Kampf
  • Kategorie L3, Alter frei (Eidgenössisch und SM 18-20 Jahre), 10-Kampf
  • Kategorie L2, 16-17 Jahre, 8-Kampf
  • Kategorie L1, 14-15 Jahre, 7-Kampf
  • Kategorie J2, 12-13 Jahre, 5-Kampf
  • Kategorie J1, 10-11 Jahre, 5-Kampf
  • Kategorie Piccolo, bis 9 Jahre, 5-Kampf

Wettkämpfe

Die Nationalturner gehören dem Eidgenössischen Nationalturnverband (ENV) an, welcher ein Fachverband des Schweizerischen Turnverbandes (STV) ist. Dem nationalen Verband unterstehen wieder entsprechende regionale Verbände. Der ENV wurde im Jahre 1933 in Bern gegründet.

Bereits seit rund fünfhundert Jahren bestreitet man diesen Wettkampf, welcher nur in der Schweiz ausgeübt wird.

Nationalturnen wird unter anderem an den Turnfesten des STV angeboten. So auch am nur alle sechs Jahre stattfindenden Eidgenössischen Turnfest. Einen gleich dreifachen Turnfestsieger im Nationalturnen durften wir 2002 in Eschenbach (Luzern) feiern. Nach Luzern (1991) und Bern (1996) gewann Steve Anderhub in Baselland (2002) zum dritten Mal in Folge das Eidgenössische Turnfest im Nationalturnen.

Eidgenössische Nationalturntage in Eschenbach (Luzern)

Die Freude war gross. Die Feste lang. Und so ist es auch ihm zu verdanken, dass der Eschenbacher Sportverein (ESV) heute (wieder) über eine starke Nationalturnerriege verfügt. Mit „Bösen“ von klein bis gross. Diese Turner, den Turnverein sowie das ganze Dorf erwartet in diesem Jahr ein ganz spezieller Höhepunkt.

Am 9. und 10. September 2017 finden in Eschenbach (Luzern) die 22. Eidgenössischen Nationalturntage statt. Die 400 besten Nationalturner der Schweiz sowie rund 5’000 Zuschauerinnen und Zuschauer werden auf dem Festgelände erwartet. Das Organisationskomitee ist seit langer Zeit mit den Vorbereitungen beschäftigt und freut sich, dass die zwei grossen Tage endlich näher rücken.

Eidgenössische Nationalturntage Eschenbbach Luzern

Wer nun diese vielseitige und spannende Sportart hautnah miterleben will, der schreibt sich das Datum am besten gleich jetzt in die Agenda ein. Ich kann euch zwei grandiose Wettkampftage versprechen. Wie schon gesagt, sind die Nationalturner eine sehr gesellige Sorte Mensch. So wird nebst den Wettkämpfen selbstverständlich auch viel Unterhaltung geboten.

Los geht es am Freitagabend, 8. September 2017, mit dem Eschenbacher Abend und der Party Band Grenzenlos sowie DJ und Barbetrieb. Am Samstagabend steigt das grosse Fest mit dem Trio Vollgas, Willy Tell und den Äntlibuecher Giele sowie natürlich wieder DJ und Barbetrieb. Also – Datum schon notiert?

Links und weitere Infos

Weitere und detailliertere Informationen zum Nationalturnen sowie den einzelnen Disziplinen findet ihr unter anderem unter den folgenden Links.

Informationen aus erster Hand gibt es am 9. und 10. September 2017 in Eschenbach (Luzern) an den Eidgenössischen Nationalturntagen. Dort stehen euch 400 Top-Athleten aus der Nationalturnerszene für weitere Auskünfte bereit.

In Bewegung

2 Kommentare zu “In Bewegung: Nationalturnen – vom Bodenturnen bis zum Schwingen

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